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Sichelzellanämie

26.05.2009

Die Sichelzellanämie tritt in Nordeuropa nur selten auf. Betroffene leiden an Blutarmut und Durchblutungsstörungen. Die Erbkrankheit erfordert eine lebenslange Behandlung.

SichelzellanämieÄrzte bezeichnen alle Erkrankungen als Sichelzellanämien, bei denen ein bestimmter roter Blutfarbstoff - das Sichelzellhämoglobin (HbS) - auftritt. Die Ursache dieser Erkrankungen ist eine Veränderung im Erbgut der Betroffenen, die zur Folge hat, dass der rote Blutfarbstoff zur Verklumpung neigt.

Ärzte unterscheiden verschiedene Formen von Sichelzellanämien. Die schwerste Krankheitsform liegt vor, wenn von beiden Elternteilen eine HbS-Anlage geerbt wurde.
Auch Mischformen mit anderen Blutbildungsstörungen können auftreten. Ein Beispiel ist die schwer verlaufende Sichelzell-beta-Thalassämie, bei der von einem Elternteil die Anlage für HbS und vom anderen die Anlage für Thalassämie geerbt wird.

Die Sichelzellanämie ist in Deutschland sehr selten. Nach Schätzungen beläuft sich die Zahl der Betroffenen gegenwärtig auf bis zu 1.000 Personen. Häufiger ist die Erbanlage für die Sichelzellanämie in Afrika, Lateinamerika, Asien sowie im östlichen Mittelmeerraum anzutreffen. Diese Verteilung deckt bzw. deckte sich bis zur neuzeitlichen Bekämpfung der Erkrankung mit dem Verbreitungsgebiet der Malaria. Da Personen, die die HbS-Anlage nur von einem Elternteil geerbt haben, einen natürlichen Schutz gegenüber Malaria besitzen, hatte sich die Erbanlage im Verbreitungsgebiet der Tropenkrankheit als Überlebensvorteil erwiesen, obwohl Träger von mütterlicher und väterlicher HbS-Anlage bereits früh an der Sichelzellanämie verstarben.

 

Typische Symptome

Durch die typischen Veränderungen des roten Blutfarbstoffs sind die roten Blutzellen (Erythrozyten) weniger leicht verformbar. Vor allem bei geringem Sauerstoffgehalt im Blut gehen sie von der normalen rundlich eingedellten in eine Sichelform über. Sowohl die geringere Verformbarkeit als auch die Sichelgestalt behindern das Gleiten der roten Blutkörperchen in den Blutgefäßen. Bleiben die Blutzellen in den engen Blutgefäßen stecken, behindern sie die Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen. Die Folge sind Durchblutungsstörungen.

Sichelförmige rote Blutzellen zerreißen zudem leicht und sterben vorzeitig ab. Darüber hinaus werden sie von der Milz als defekt erkannt und zurückgehalten, sodass sie nicht mehr zum Sauerstofftransport zur Verfügung stehen.


Zu den Symptomen der Sichelzellanämie gehören:

• Blutarmut
• Fieber
• Wiederholt auftretende Schmerzkrisen in den betroffenen Körperregionen (unter anderem oft Knochenschmerzen) in Folge von Durchblutungsstörungen
• Gelbsucht aufgrund des vermehrten Abbaus von rotem Blutfarbstoff


Zu den schwerwiegenden Komplikationen gehören:

• „Milzsequestration": ein Teil oder auch nahezu alle roten Blutkörperchen versacken binnen weniger Stunden in der Milz; die Folge ist ein Schockzustand
• „Akutes Thorax-Syndrom" (ATS): Brustschmerz, Husten, Kurzatmigkeit und Fieber ähnlich einer Lungenentzündung
• Schlaganfall
• „Priapismus": schmerzhafte Dauererektion, die zu Schäden an den Penisschwellkörpern und Zeugungsunfähigkeit führen kann
• Bluthochdruck in der Lunge

 

Erkrankungsalter

Im Blut von Säuglingen weist ein Teil des roten Blutfarbstoffs eine andere Zusammensetzung auf als im späteren Leben. Dieses so genannte fetale Hämoglobin wird durch die Erbgutveränderung, die zur Sichelzellanämie führt, nicht beeinflusst. Erste Symptome der Krankheit zeigen sich daher erst ab einem Alter von etwa sechs Monaten, wenn der Anteil des fetalen Hämoglobins deutlich abgenommen hat.

Die Sichelzellanämie wird aus diesem Grund zumeist im Kindesalter nach dem sechsten Lebensmonat diagnostiziert. Bei weniger schweren Krankheitsformen kann es auch erst im Erwachsenenalter zu Beschwerden und zur endgültigen Diagnose kommen.

 

Diagnose der Sichelzellanämie

Die typischen Beschwerden zusammen mit der meist südländischen Herkunft der Betroffenen liefern erste Hinweise auf das Vorliegen der Krankheit. Die exakte Diagnose wird auf der Grundlage von Blutuntersuchungen und der Analyse des roten Blutfarbstoffs gestellt. Darüber hinaus untersucht der Arzt, in welchem Maß die Erkrankung bereits zu Schäden am Skelettsystem, insbesondere den Hüftknochen, und an anderen Organen wie Lunge, Herz oder Augen geführt hat.

 

Behandlungsmöglichkeiten

Die einzige Therapie, die die Sichelzellanämie vollständig heilen kann, ist die Knochenmark- oder Stammzelltransplantation. Aufgrund der mit der Behandlung verbundenen Risiken, die infolge der Transplantationsvorbereitung insbesondere für erwachsene Patienten bestehen und bis zum Tod reichen können, wurden Stammzelltransplantation weltweit bisher jedoch nur bei wenigen, zumeist sehr jungen Patienten durchgeführt.

Andere Behandlungsmaßnahmen bei Sichelzellanämie zielen darauf ab, bestehende Symptome zu lindern, Infektionen zu verhindern und Schmerzattacken vorzubeugen. Dabei kommt eine Vielzahl von Maßnahmen und Medikamenten zum Einsatz. Bluttransfusionen erfolgen trotz eines oft sehr niedrigen Gehalts an rotem Blutfarbstoff im Blut nur in Ausnahmefällen. Denn der Versuch, bei den Betroffenen „normale" Blutwerte zu erreichen, kann aufgrund der schlechteren Fließeigenschaften der Sichelzellen zu schweren Komplikationen führen. Werden Blutübertragungen vorgenommen, besteht - wie auch bei nicht an Sichelzellanämie Erkrankten - die Gefahr einer Eisenüberladung. Diese kann jedoch durch eine rechtzeitige Behandlung mit Eisenchelatoren verhindert werden.


Behandlungsaussichten

In Europa und den USA erreichen etwa neun von zehn Kindern mit Sichelzellanämie das Erwachsenenalter. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist jedoch auch in den Industrieländern verkürzt. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt bei optimaler medizinischer Versorgung rund 50 Jahre. Die Patienten können, von den Einschränkungen durch ein akutes Krankheitsgeschehen abgesehen, jedoch ein normales Leben führen.

Auch ein Kinderwunsch lässt sich erfüllen. Um auszuschließen, dass sich die Sichelzellanämie auf das Kind überträgt, besteht die Möglichkeit, zwischen der zehnten und zwölften Schwangerschaftswoche eine Gewebeprobe aus der Plazenta entnehmen und untersuchen zu lassen. Stellt sich heraus, dass der Fetus von der Genveränderung betroffen ist, kann die Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt auf Wunsch der Eltern abgebrochen werden.

Aktuelle, allgemeinverständliche Informationen zur Sichelzellanämie der Universität Bonn und des Sichelzell-Informationszentrums für Deutschland:
www.haemoglobin.uni-bonn.de.

Quellen: Nach Informationen von:
Interview mit Dr. Regine Grosse, September 2008
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie in der Hämatologie und internistischen Onkologie. Sichelzellkrankheiten, April 2005
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie in der Hämatologie und internistischen Onkologie. Sichelzellkrankheit, Februar 2006
Hildreth CJ, et al. Sickle Cell Vasculopathy. JAMA 2008;300(22):2690
Mayo Clinic, Sickle cell anemia, März 2007
Sichelzell-Informationszentrum für Deutschland, Information über die Sicherzellerkrankung, Oktober 2008
Stand: 20.05.09
Autor: Jan Groh

Dies ist ein Service von Novartis Oncology
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